Die Maschenprobe - Teil 1

Warum das weitläufig verhasste Ding keine Zeitverschwendung ist.

 

Wie oft habe ich diese Frage so oder so ähnlich gehört:

Muss ich etwa noch 'ne Maschenprobe machen ?

 

Wenn ihr ein Modell im Auge habt, das zum Schluss eine konkrete Passform haben soll - egal, ob nach einer vorgegebenen Anleitung oder selbst ausgedacht - dann lautet meine Antwort:

JA - unbedingt!!!!

 

Jeder, der strickt, hat seine ganz eigene Handschrift, die sich auch in der Maschenprobe niederschlägt.

Deshalb sollte man sich eben nicht blind auf die Angaben auf den Banderolen bzw. auf die Anweisungen in Anleitungen verlassen und damit einfach mal losstricken.


Will man keine bösen Überraschungen in Form von unförmigen, am Ende doch nicht tragbaren Kleidungsstücken erleben (siehe Bild rechts), dann sollte man ernsthaft das Anfertigen einer gewaschenen Maschenprobe in Betracht ziehen.

 

Alle nachträglichen Maßnahmen, die landläufig ergriffen werden, um ein aus der Form geratenes Teil doch noch irgendwie zu retten, führen meistens nur zu einer Verschlimmbesserung.

Kein Dampfbügeleisen, keine noch so ausgeklügelte Spannvorrichtung, keine (zu heiße) Waschmaßnahme oder irgenwelche nachträglich angeklöppelten Kanten haben jemals zu dem Erfolg geführt, dass das gute Stück dann doch so wurde wie es ursprünglich hätte sein sollen.


Je größer die Probe ausfällt, umso genauer wird am Ende das Messergebnis. Die Maschenprobe sollte nach meinen Erfahrungen mindestens 15-20 cm breit und hoch sein.

 

Zum Einen: Kleinere Stücke werden oft deutlich fester gestrickt.

Zum Anderen: Die Maschen an den Rändern fallen in der Regel etwas anders aus als die Maschen mittendrin in der gestrickten Fläche, sodass die äußeren zwei bis drei Maschen (je Seite) nicht in die Messung einbezogen werden. 

 

Eine zu kleine Maschenprobe bringt dann nicht mehr viel.

Besonders bei der Verwendung verschiedener Muster und Strukturen (siehe Bild oben) sowie bei der Verarbeitung von Garnen mit Seide, Yak und Kamelhaar sowie Baumwolle, Leinen und Viskose, die alle eine Tendenz zum Auslängen nach dem Waschen haben, macht sich eine größere Maschenprobe durchaus bezahlt.


Maschenprobe anfertigen

Für die Maschenprobe werden mit der angegebenen Nadelstärke - sofern das mit euren Erfahrungen passt - einfach doppelt so viele Maschen angeschlagen wie auf der Banderole bzw. in der Anleitung für 10 cm angegeben sind. Wisst ihr aus Erfahrung, dass ihr eher lockerer strickt, nehmt lieber gleich eine Nadel um 0,25 mm oder 0,5 mm dünner.

 

Ist die Probe fertig, dann heißt es nicht zu fest aber auch nicht zu locker abketten - die Kante sollte genauso breit sein wie das Strickstück darunter und die fertige Probe sollte rechteckig sein!


So eine Maschenprobe ist nicht brauchbar:

 

Hier ist der Anschlagrand deutlich zu fest, der Abkettrand zu locker und der rechte Rand deutlich kürzer als der linke, was bedeutet: Es gibt einen erheblichen Unterschied in  der Strickfestigkeit der Randmaschen.

Damit gerät jedes gestrickte Stück aus der Form.

 

Nach dem Anschlagrand wurde - statt mit einer Rückreihe linker Maschen (wie für glatt rechts üblich) - mit einer Reihe rechter Maschen begonnen. Deshalb erscheinen am unteren Rand die Maschen wie bei einer Linksreihe.


Das Musterläppchen bei der nächsten Wollwäsche mitwaschen. Anschließend wird die Maschenprobe genauso behandelt wie eure gestrickten Wollsachen: Nach dem Waschen in Form bringen und zum Trocknen legen.

Und erst jetzt kann gemessen werden:


Maschen auszählen

Das Messgerät links genau auf eine volle Masche legen (bei mir ist das die 4. M vom linken Rand) und bis zum größtmöglichen ganzen Maß, unter dem wieder eine volle Masche liegt (das ist bei mir bei 18 cm) die Maschen auszählen.

 

Bei meiner Probe sind 40 M = 18 cm - Mit dem Dreisatz umgerechnet ergibt das eine exakte Maschenprobe von 22,2 M = 10 cm.

Reihen auszählen

Das Messgerät genau auf die Spitze der vollen Masche anlegen (bei mir ist das die erste blaue Reihe - davor liegen noch 10 R in braun) und wieder bis zum größtmöglichen Maß messen, unter dem eine volle Masche liegt. Zufällig ist das bei mir wieder bei 18 cm.

 

Bei meiner Probe sind 62 R = 18 cm - Mit dem Dreisatz umgerechnet ergibt das eine exakte Maschenprobe von 34,4 R = 10 cm.

 

Für ein Teil mit 52 cm Weite und 60 cm Länge würde ich hiernach mit

5,2 x 22,2 M = 115,4 M ~ 115 M  für die Weite und

6,0 x 34,4 R = 206,4 R ~ 206 R für die Länge kalkulieren.


Zu kleiner Messbereich und die Folgen

Ein zu kleiner Messausschnitt kann zu abweichenden Maßen führen.

Hier z. B. die allseits beliebte 5 cm Schablone, die ein Ergebnis von

 

11,5 M und 17,5 R für 5 cm bringt. Das entspricht also 23 M und 35 R für 10 cm.

 

Für ein Teil mit 52 cm Weite und 60 cm Länge würde ich hiernach also mit

5,2 x23 M = 199,6 M ~ 120 M für die Weite und

6,0 x 35 R = 210 R  für die Länge kalkulieren.

 

 

Die 120 M, die ich mit diesem Messergebnis kalkuliert hätte, erzielen am Ende aber nicht die gewünschten 52 cm, sondern 54 cm - also wird das Teil um eine Konfektionsgröße weiter.

Bei der Länge ist es "erstmal nicht ganz so schlimm": Statt 60 cm würde ich 61 cm Länge erreichen.

 

ABER: Sollen noch Ärmel passgenau eingearbeitet werden oder - wie bei meinen Modellen auch gerne gemacht - Maschen aus den Rändern aufgenommen werden, wird sich auch diese vermeintlich geringfügige Differenz schwer rächen: Es führt zu ungewollten Spannungen in den zusammenzufügenden Teilen und das Ergebnis sind dann unschöne krumpelige oder wellende Kanten bzw. Nähte.


Ach, und noch eins:

Entgegen gutgemeinter Ratschläge, sich eine wohlbeschriftete Maschenprobensammlung anzulegen, um sich die lästige Arbeit zukünftig zu ersparen, wenn man aufs gleiche Garn zurückgreift, halte ich davon nix - das kostet nur Zeit, Kartons und Stauraum im Schrank.

 

Ganz egal, wie oft ich meine Garne schon verarbeitet habe, ich mache tatsächlich jedes Mal eine neue Maschenprobe bevor ich richtig anfange. Die Yak+Seide, die ich vor 1,5 Jahren noch mit Nadel 3,25 verarbeiten konnte, muss ich heute mit 3,0 stricken, um dieselbe Maschenprobe zu erzielen.

 

"Mental ist 90%."

(Zitat Boris Becker) - Das trifft definitiv auch auf das Stricken zu!


Fazit

Es lohnt sich!

 

Nehmt euch die Zeit für die Maschenprobe. Die maximal halbe Stunde ungeliebter Tätigkeit ist doch vergleichsweise gering im Vergleich zu 40-60 Stunden Zeit, die man z. B. mit dem Stricken eines Pullovers verbringt, und die womöglich umsonst war, wenn es am Ende nicht passt.

 

Schade um die kostbare Zeit und um das kostbare Material.

Sheep - Copyright © Patricia Waller
Sheep - Copyright © Patricia Waller


Fortsetzung folgt

Folgende Punkte stehen noch zur Debatte:

  • Die Notwendigkeit, die Maschenprobe auch während des Strickens zu überprüfen
  • Die Wiederverwendung des Materials aus der Maschenprobe
  • Maßnahmen, wenn zwar die Maschenzahl passt, aber die Reihenzahl nicht (oder umgekehrt)